Macht "mehr" glücklich?
- Olivier Kaeser

- 24. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Sept. 2025
Wir setzen uns grosse Ziele und versprechen uns beim Erreichen endlich wirklich zufrieden zu sein. Nach kurzer Zeit meldet sich aber die altbekannte Unzufriedenheit zurück. Warum?
Die kurze Antwort: Unser Gehirn tut sich mit dem Begriff "genug" sehr schwer.
Teil 1: Warum unser Gehirn auf "mehr" programmiert ist
Über Jahrtausende prägte der Kampf gegen materiellen Mangel ein menschliches Leben. Harte Winter, Krankheiten und Knappheit machten "mehr" überlebenswichtig: mehr Vorräte, mehr Werkzeuge, mehr Sicherheit.
Aus evolutionärer Sicht sind Menschen ganz einfach nicht dafür gemacht, nachhaltig zufrieden zu sein. Denn Zufriedenheit war lange lebensgefährlich.
Die Karotte vor dem Esel
Man sieht dieses Muster bei Spitzensportler:innen. Sie widmen Jahre ihres Lebens nur einem Ziel: Gold. Und doch hört man immer wieder von der grossen Leere (oder gar einer Depression) nach dem grossen Erfolg. Eben genau weil das Gehirn dem Glauben verfallen war, die Erfüllung des Lebenstraums führe zu nachhaltiger Erfüllung.
Dasselbe passiert auch uns "Hobbyathleten" in unserem Alltag. Wir denken: Ein höheres Gehalt, ein neues Auto, ein bestimmter Betrag auf dem Konto macht uns endlich "glücklich". Kaum haben wir es erreicht, rückt schon die nächste Karotte in Sicht.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber führt in unserem modernen Kontext oft dazu, dass wir uns von unseren primitiven Instinkten leiten lassen. Wir verpassen die Chance, bewusst zu leben und aktiv über den Begriff "genug" nachzudenken.
Die Falle: Ruhm und Reichtum = Glück
Unser Drang nach "mehr" unterscheidet sich inhaltlich vereinfacht auch nicht extrem von früher. Es gibt zwei tragende Säulen:
Geld steht für Ressourcen. Die moderne Version von Vorräten im Winter.
Ruhm steht für Zugehörigkeit. Früher schützte uns unsere Beliebtheit vor dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Zu Zeiten der Höhlenbewohner ein fast sicheres Todesurteil.
Nur wir leben wir heute nicht mehr in Höhlen. Unsere Grundbedürfnisse sind (für viele von uns) recht gut abgedeckt. Aber die Instinkte sind geblieben, auch heute versprechen wir uns durch immer mehr Geld und immer mehr Ruhm (Follower) die Erfüllung.
Aus meiner Sicht ein folgenschwerer Irrtum. In diesem ersten Text konzentriere ich mich auf das Thema Geld, später folgt dann noch ein Beitrag zum Thema Ruhm.
Teil 2: Was wir zum Thema Geld wissen
Zuerst ein wichtiger Hinweis
Schon darüber nachdenken zu können, ob man "genug" hat, ist ein grosses Privileg. Umso mehr, wenn es um das Thema Geld geht. Rund 700 Millionen Menschen leben laut der World Bank heute noch in extremer Armut. Milliarden weitere hangeln sich von Zahltag zu Zahltag. Die Frage "Wann ist genug, genug?" können sich nicht viele stellen.
Als ich sechs Monate in Kambodscha lebte, wurde mir das bewusst. Mein Schweizer Pass gab mir die Sicherheit meinen Lebensentwurf zu hinterfragen. Meine kambodschanischen Kolleginnen und Kollegen hatten diese Option nicht. Ihre Herausforderungen hatten wenig mit einem "Lifestyle-Choice" zu tun. Gleichzeitig merkte ich: Viele Menschen in der Schweiz fühlten sich trotz einigermassen hoher finanzieller Sicherheit im System gefangen. Privileg schafft nicht automatisch Freiheit, sondern baut manchmal unsichtbare Mauern.
Die Geld- Zufriedenheitskurve
Was aber sagt die Forschung zum Thema Geld und Glück, bzw. Zufriedenheit?
2010 zeigte eine Studie von Daniel Kahneman und Angus Deaton: die Zufriedenheit steigt mit dem Einkommen, aber nur bis rund $75’000 pro Jahr (US-Kontext).
2021 zeigte dann Matthew Killingsworth mit Echtzeit-Daten von 30’000 Personen auf, dass die Zufriedenheit auch darüber hinaus noch ansteigt, aber immer langsamer.
Zusatzeinkommen bringt zwar noch etwas mehr Zufriedenheit, aber mit deutlich sinkendem Effekt.
Eigentlich logisch: Wenn eine Milliardärin eine Million ausgibt, ist das 0.1% ihres Vermögens. Für eine durchschnittliche Schweizerin entspräche das einer Ausgabe von ca. 500 Franken, zum Beispiel für einen Flug. Für jemanden der $2.15 am Tag verdient? 1’274 Jahre Arbeit.
Ökonomen nennen das das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Der Sprung von "Miete nicht zahlen können" zu "finanziell sicher" verändert das Leben und die Zufriedenheit einer Person komplett. Der Sprung von "komfortabel" zu "ultrareich"? Massiv weniger.
Und trotzdem steigen die Erwartungen. Laut einer aktuellen Studie definiert die Gen Z das Jahreseinkommen einer "erfolgreichen" Person bei $587,797, und einem Nettovermögen von $9.5 Millionen. Bei den Millenials sind es $180,865 und $5.3 Millionen.
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Der Widerspruch
Was führt zu solchen Vorstellungen?
Unser Gehirn ist nie nachhaltig zufrieden (siehe oben).
Unser auf Konsum basiertes System lebt davon, genau diese Schwachstellen aktiv auszunutzen.
Social Media verstärkt den Effekt. Jemand hat immer ein grösseres Auto, schönere Ferien, ein glamouröseres Leben.
Das Gehirn registriert diese Mängel und das passt das innere, "reaktive" Ziel ohne zu reflektieren immer wieder nach oben an.
Eigentlich tragisch: Wir wissen aus Forschung, wie wir nachhaltige Zufriedenheit aktiv fördern können. Wir wissen, dass viel Geld und Ruhm nicht wirklich viel zu unserer Zufriedenheit beitragen. Aber wir nutzen dieses Wissen selten, um unser Verhalten bewusst zu hinterfragen.
Teil 3: Geld, Glück und "genug" neu definieren.
Die gute Nachricht: "Genug" kann trainiert werden, wir können bewusst an unserer Einstellung arbeiten. Mir persönlich hilft die Beantwortung dieser Fragen sehr:
1. Meine finanzielle Ziele: was treibt mich an?
Was ist dein finanzielles Ziel und warum genau diese Zahl?
Wie spielt es mit meinen anderen Lebensbereichen zusammen, die ebenfalls Platz verdienen: Sinnstiftende Arbeit, Familie, Freundschaften, Gesundheit?
Inwiefern ist die Zahl von Vergleich mit anderen getrieben? Wie viel Angst spielt mit?
2. Einkommen: wie verdienst du dein Geld?
Wie bewusst gestaltest du deinen Weg, Geld zu verdienen? Einige arbeiten in Jobs, die sie nicht mögen, um sich mehr Zeit für anderes zu ermöglichen. Als bewusster Entscheid passt das. Andere wählen ein Gleichgewicht: sinnvolle Arbeit, vielleicht weniger Einkommen, aber in Einklang mit anderen Lebenszielen.
Würdest du einer Beförderung mit +10% Gehalt und -10% Zeit für Familie oder Gesundheit für dich lohnen?
3. Ausgaben: wie gibst du dein Geld aus?
Gibst du Geld so aus, dass es deine Zufriedenheit tatsächlich steigert? Studien zeigen: Erlebnisse, Zeitersparnis, Sparen, und sogar Geld verschenken haben einen viel positiveren und nachhaltigeren Effekt auf deine Zufriedenheit als Konsumgüter wie Markenkleider oder teure Autos.
Meine persönliche Definition von Reichtum
Ich hatte bereits jung das Glück, verschiedene Gesellschaftsformen und ihr Verhältnis zu Geld und Reichtum beobachten zu können.
In Kambodscha habe ich erlebt, wie ein erheblicher Mangel and Geld und Ressourcen die Menschen zusammenrücken lässt. Und ich würde zudem behaupten, dass die Kambodschaner:innen im Schnitt nicht "unzufriedener" sind als beispielsweise die Schweizer:innen. Die Probleme sind einfach anderer Natur.
In der Schweiz habe ich realisiert, dass sich viele Menschen in ein System drängen lassen, ohne wirklich mit Intention über ihre Lebenspläne und Bedürfnisse nachzudenken. Ein hoher Lebensstandard führt nicht direkt zu erhöhter Zufriedenheit.
In San Francisco habe ich den omnipräsenten Drang nach schnellem Reichtum und Macht miterlebt. Viel Erfolg nach aussen, grosse Erschöpfung nach innen.
Alle diese Erlebnisse haben meine persönliche Definition von Reichtum stark geprägt.
"Wenn ich die meiste Zeit nicht an Geld denken muss, bin ich reich."
Das heisst nicht, dass ich meine Finanzen ignoriere, im Gegenteil. Ich habe langfristige Ziele, eine Grundeinstellung zum bewussten und minimierten Konsum, ein klares Budget und gleiche dieses ein Mal im Monat ab. So ist Geld für mich eine Unterstützung der Lebensbereiche, die für mich wichtig sind: Beruf, Familie, Freunde und Gesundheit. Und nicht die Quelle einer anhaltenden Obsession.
Das Fazit: Mehr "genug" üben hilft deine Zufriedenheit zu steigern
Sei dir bewusst, dass ein grosser Teil deines Verhaltens evolutionstechnisch Sinn macht, aber in unserem modernen Kontext auch eine Barriere für ein zufriedenes Leben darstellen kann.
Die Wissenschaft ist klar: Geld ist wichtig, es gibt uns Freiheit und eine gewisse Sicherheit und Kontrolle. Aber ab einem Punkt verliert es an Gewicht. Entscheidend ist, wie finanzielle Entscheidungen mit deinem Lebensentwurf zusammenhängen. Deine Familie, deine Freunde, deine Gesundheit und eine sinnstiftende Arbeit.
Bewusst "Genug" zu haben fällt uns nicht leicht. Es braucht Bewusstsein und Übung. Und mit ein wenig Übung siehst du Geld als ein wichtiges Werkzeug für Zufriedenheit und Balance, und nicht als Karotte die dich reaktiv antreibt.
Fragen zu Karriere, Geld und einer guten Balance begleiten mich bei meiner Arbeit eng. Bei Fragen darfst du dich gerne bei mir melden!



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