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Warum KI die ultimative Bewährungsprobe für den "Sinn des Lebens" ist

  • Autorenbild: Olivier Kaeser
    Olivier Kaeser
  • 8. Sept. 2025
  • 10 Min. Lesezeit

Teil I: Das Ende eines goldenen Zeitalters


Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr vom Sinn des Lebens oder dem tieferen Sinn einer Tätigkeit die Rede ist. Wir finden "Purpose" auf Firmenwebseiten, in Wellness-Retreats, in Ratgeberbüchern oder Karriere-Blogs. Weil ich es zu meiner Aufgabe gemacht habe, anderen zu helfen, ihren Purpose zu finden, trägt meine Firma den Namen purRpose.


Dass das Thema Purpose so aktuell ist, halte ich für einen Schritt in die richtige Richtung. Aber: Die Freiheit, sich überhaupt fragen zu können "Was ist mein Purpose?", ist ein Luxus. Diese Frage stellt sich meist nur dort, wo entweder materielle Sicherheit oder soziale Stabilität vorhanden ist, im Idealfall beides. Fehlt mindestens eine dieser Säulen, reduziert sich Purpose oft darauf, sich irgendwie von einer Woche in die nächste zu retten.


In den USA kämpfen sich beispielsweise rund 60% - 70% der Erwachsenen ohne finanzielles Polster von einem Monatslohn zum nächsten. Das ist kein fruchtbarer Boden für existenzielle Selbstfindung, sondern ein Überlebenskampf. Selbstverwirklichung jenseits ökonomischer Sicherheit ist ein Privileg, selbst im reichsten Land auf unserer Erde.


* Ein Hinweis zum nachdenken: Unser "westliches" Konsum-Modell ist nicht die einzige Art, Sinn zu finden. Viele indigene Kulturen (oft kolonialisiert, ignoriert oder ausgelöscht) haben ihren Lebenssinn aus Gemeinschaft, Fürsorge und Tradition geschöpft. "Purpose" war dort keine persönliche Marke, sondern eine Rolle in einem lebendigen Gefüge.

Die Illusion des "Normalen"


Aufgewachsen in der Schweiz, habe ich sowohl materielle Sicherheit als auch soziale Stabilität erlebt und als selbstverständlich empfunden. Erst als ich in meinen Zwanzigern in Kambodscha lebte, wurde mir klar: Die Schweiz ist nicht "normal", sondern wiederspiegelt einen historischen Ausnahmezustand. Ich wurde in ein stabiles, demokratisches Land mit wenigen Millionen Einwohnern geboren, in eine liebevolle Familie. In vielerlei Hinsicht habe ich zur Geburt die Lotterie gewonnen.


Dieser Ausnahmezustand, beruhend auf Frieden, Wohlstand und demokratischen Institutionen, wurde auf den Trümmern und dem Trauma des Zweiten Weltkriegs aufgebaut. Meine Grosseltern haben den Krieg hautnah miterlebt. Hunger, Angst, Instabilität. Danach wurde logischerweise überkompensiert. Verständlich, nicht irrational. Meine Urgrossmutter hob jeden Plastiksack, jedes Einmachglas, jeden Essenrest auf. Verschwendung war moralisch falsch. Eine kleine Rente und ein voller Vorratskeller bedeuteten: Kontrolle zurückgewinnen. Ihr Leben drehte sich nicht ums Träume-Verwirklichen, sondern ums Albträume-Vermeiden. Diese Sparsamkeit, die tiefe Wertschätzung für Ressourcen, das Prinzip, nur zu kaufen, was man sich leisten kann, sind Werte, die ich immer noch bewundere. Und die im heutigen System von Konsumkrediten und Wegwerfmentalität zunehmend fehlen.


Und genau dieses Fundament, das sie (und später meine Eltern) durch Disziplin, Widerstandskraft und kollektive Anstrengung geschaffen haben, hat mir völlig neue Privilegien ermöglicht. Risiken einzugehen. Zu scheitern und neu anzufangen. Mir Fragen zu stellen, die sie sich niemals gestellt hätten:


"Was ist der Sinn meines Lebens und was möchte ich damit tun?"


Heute sehe ich das Gerüst hinter diesem Privileg ziemlich genau, sehe aber auch die Risse, die sich darin auftun.


Der Sinn des "Sicherheitsdenkens"


Für die Generation meiner Grosseltern und Eltern war Purpose wie erwähnt nicht abstrakt, sondern konkret und dringend: das Verlorene wieder aufbauen, Stabilität schaffen, seinen Kindern ein besseres Leben ermöglichen.


Und sie haben es geschafft. Das Wirtschaftswunder brachte massives Wachstum, vor allem in Westeuropa und Nordamerika. Es entstand eine starke Mittelschicht, breiter Zugang zu guter Bildung, Gesundheit, Wohnen. Jahrzehntelang fühlte es sich nach stetigem Fortschritt an, ein besseres Leben für Millionen von Menschen.


Mit der Zeit wurde aus dem Trauma-basierten Drang, Stabilität zu schaffen also ein kollektives Streben nach Sicherheit: gute Ausbildung, sicherer Job, Eigenheim, Rente. "Mehr" war nicht nur Mittel zum Zweck, sondern die Definition eines guten Lebens. Damit entstand langsam ein Vakuum: Das "Was" (Haus, Job) überdeckte zunehmend das "Warum". Mehr materieller Komfort, aber auch eine wachsende spirituelle Leere.


Das ist kein moralisches Versagen. Es ist menschlich. Nach Instabilität sucht man Kontrolle. Und ein System, das 80 Jahre lang Frieden, Freiheit und Wohlstand produzierte, verdient Anerkennung. Wir profitieren bis heute von den Opfern unserer Vorfahren.


Aber wir müssen auch die Grenzen dieses Modells erkennen. Wahrscheinlich leben wir gerade am Ende seines Zyklus. Das Problem ist nicht moralischer oder kultureller Zerfall, nicht einmal primär politisches Versagen. Das Problem ist mathematisch: Systeme, die auf exponentiellem Wachstum beruhen, haben ein Ablaufdatum.


Die mathematische Herausforderung


Kapitalismus, besonders in seiner globalisierten Form, konzentriert Vermögen durch Zinseszinseffekte. Das ist keine Theorie, das ist Arithmetik.

Der «Hockey-Stick»-Effekt: Exponentielles Wachstum steigt zuerst langsam, dann steil. Irgendwann erreicht das System einen Kipppunkt: Ressourcen konzentrieren sich, Ungleichheit wächst, die Stabilität bricht weg.

Man könnte die Rolle des Staates also so verstehen, diesen Moment so weit wie möglich hinauszuzögern. Die Kurve abzuflachen. Aber unpopuläre Massnahmen, die kurzfristige Gewinne bremsen oder Kapital umverteilen, sind politisch schwierig umsetzbar. Die meisten Politiker denken in 4- bis 8-Jahres-Zyklen. Das System belohnt kurzfristige Lösungen statt nachhaltiges Denken.


Dazu kommt: Diese Dynamik wurde und wird durch unsere Spielregeln verstärkt. Die Fokussierung auf Shareholder-Value oder Steuersysteme, die Kapitalerträge bevorzugen. Oder schwächer werdende Arbeitnehmerrechte, all das lenkte das System in diese Richtung.


Die Folgen sind vor allem in den USA sichtbar:


  • CEO-Löhne: 1965 verdiente ein US-CEO im Schnitt das 20-Fache eines Arbeiters. 2022: das 398-Fache.

  • Mindestlohn: Inflationsbereinigt erreichte er 1968 den Höchststand. Seitdem Stagnation.

  • Wohnen: 1970 kostete ein Haus etwa das Vierfache des Durchschnittslohns. Heute: das Achtfache oder mehr (vor allem in urbanen Gegenden).

  • Studiengebühren: 1980 lag die Jahresgebühr an einer öffentlichen Uni bei rund USD 2’000 (inflationsbereinigt). Heute ist sie fünfmal so hoch. Gesamtverschuldung für Studentendarlehen: über 1,7 Billionen USD.

  • Steuern: Seit 2001 stammen fast 37% der US-Staatsverschuldung aus Steuersenkungen.


Und die wachsende Ungleichheit im reichsten Land der Welt ist kein isolierter Trend. Burnout und Angststörungen nehmen zu, vor allem bei Jüngeren. Die Lebenserwartung ist rückläufig und Geburtenraten sinken. Und auch der ökologische Preis, der für Wachstum bezahlt wird ist nicht zu unterschätzen. Mikroplastik, PFAS, Biodiversitätsverlust, Klimawandel, die Liste ist lang.


All das sind keine Einzelkrisen. es sind Symptome von einem Zyklus, der für 2–3 Generationen funktioniert hat und Millionen aus der Armut gehoben hat, nun aber an seine Grenzen stösst.


Und während sich die Politik darum streitet, welche Ideologie zu dieser Situation geführt hat finde ich eine andere Frage äusserst spannend: Was könnte als nächstes kommen? Und genau in diesem Moment, während das alte Modell unter seiner Last ächzt, tritt eine neue Kraft auf die Bühne. Kein Politiker. Keine Partei. Eine Technologie: Künstliche Intelligenz.


Teil II: KI und der Sinn des Lebens – die anstehende Bewährungsprobe


Das grösste Fragezeichen für die Zukunft heisst KI. Und bemerkenswert ist: Sie ist potentielle Lösung und Gefahr für viele Herausforderungen, die unser System ohnehin schon belasten. Ökonomische Fragilität. Wachsende Ungleichheit. Sinnleere in der Arbeit. Überlastete Gesundheitssysteme. Sinkendes Vertrauen. KI trifft nicht einfach auf diesen Kontext, sie beschleunigt ihn.


Zur Einordnung: Ich war im Silicon Valley, als Blockchain und Krypto ihren "Moment" hatten. Auch wenn ich die strukturellen Schwächen des FIAT-Systems und die theoretischen Möglichkeiten von Smart Contracts gesehen habe, ich war beeindruckt, aber skeptisch zugleich. Es fühlte sich nicht nach einer fundamentalen Wende an, sondern nach einer Spekulationswelle mit ein paar wenigen isolierten Use Cases.


Bei KI war es anders. Als ich das erste Mal mit einem LLM interagierte, wusste ich: Hier hat sich etwas Grundlegendes verändert. Dieses Gefühl ist trotz einigen Zweifeln geblieben. Heute nutze ich KI täglich in meiner Arbeit. Ein Essay wie dieser hier hätte mich früher fast eine Woche gekostet. Jetzt, mit einem LLM als Denkpartner, kann ich den Grossteil meiner Energie auf die Argumentation, Struktur und die Feinheiten legen und die Maschine unterstützt als Sparring Partner. Ein Echtzeit-Training in kritischem Denken. Das Ergebnis? Rund 25% der Zeit, die es früher brauchte. Gleiche Qualität. Weniger Reibung. Mehr Fokus.


Das ist die positive Seite. Aber wir unterschätzen das Potential für grössere und schnellere Umwälzungen im System noch immer. Das Tempo ist beispiellos. Es fühlt sich an wie kurz vor Covid: eine diffuse Spannung, ein leises Summen im Hintergrund, das Gefühl, dass etwas Grosses bevorsteht, ohne klare Konturen.


Natürlich: Jede grosse Erfindung vom Buchdruck, über die Elektrizität bis zum Internet wurden mit Skepsis und Angst empfangen. Und die Welt hat sich immer weitergedreht. Auch diesmal wird sie sich weiterdrehen. Aber: Dieses Mal ist es anders. Einfach wegen der Geschwindigkeit, der Reichweite, dem globalen Impact und weil die Folgen höchst ungleich verteilt sein werden könnten.


Es geht hier nicht um Panikmache. Es geht darum, den Moment zu erkennen. KI ist nicht eine neue Technologie in einem Sektor. Es ist die breite Automatisierung kognitiver Arbeit (und längerfristig höchst wahrscheinlich auch physischer), quer durch die Weltwirtschaft. Und sie läuft längst.


Wir brauchen dafür keine "Artificial General Intelligence" (AGI), um die ersten Auswirkungen zu spüren. Solange es einen Profit-Anreiz gibt, wird KI eingesetzt werden. Diese Systeme sprechen fliessend, wirken teilweise intelligent, arbeiten unermüdlich. Firmen und auch wir alle werden sie nutzen. Nicht weil sie perfekt sind, sondern weil sie gut genug sind. Die ökonomische Logik ist schon da. Und falls AI breit scheitert, ist es gut möglich, dass dadurch eine weltweite Finanzkrise ausgelöst wird. Die wegen dem AI Boom explodierten Valuationen der sieben grössten Tech-Konzerne repräsentieren heute 13% aller globalen Börsenwerte. Schauen wir uns die potentiellen Extremszenarien im Detail an.


Szenario 1: Das Techno-Feudalismus Szenario


Beginnen wir mit dem dunkleren Szenario. Es ist nicht unausweichlich, aber realistisch. Erstens, weil es bereits passiert. Zweitens, weil die Vergangenheit leider ein guter Indikator für die Zukunft ist.


Hier übernimmt eine kleine Gruppe von Tech-Konzernen die Kontrolle über ganze Industrien. KI-Agenten ersetzen nicht nur Aufgaben, sondern ganze Arbeitsfelder. Das tiefere Risiko liegt nicht im Wegfall von Tätigkeiten, sondern in der Automatisierung von Identität. Seit über 100 Jahren beantworten wir die Frage "Wer bist du?" oft mit "Was machst du beruflich?". KI droht, diese Antwort für Millionen bedeutungslos zu machen und damit eine Identitätskrise von nie dagewesenem Ausmass auszulösen.

Salesforce arbeitet an seiner "Agent Workforce". Meta baut Plattformen, die die gesamte Werbe-Supply-Chain umkrempeln könnten. Von Kreativstudios bis zu Agenturen. Vergleichbares passiert in Customer Support, Software Engineering, HR, Recht, Medizin. Besonders betroffen: Einstiegsjobs. Also genau die Stellen, mit denen junge Menschen nach der Ausbildung ins Berufsleben starten und ein wichtiges Fundament aufbauen können.


Manche Berichte zeigen: Firmen reduzieren manuelle Workflows derzeit um 1% pro Woche. Klingt nach wenig. Aber in diesem Tempo verschwinden ganze Abteilungen in unter zwei Jahren.


Und selbst wenn Menschen «im Loop» bleiben: Es werden weniger sein. Wenn 80% der Aufgaben automatisiert sind, braucht es nur noch wenige, die den Rest überwachen. Massenentlassungen sind die logische Folge.


Kurzfristig: steigende Profite, vor allem für die Anbieter der Tools. Langfristig: ein gefährliches Paradox. Eine hyper-optimierte Wirtschaft, mit weniger und weniger Menschen, die etwas dazu beitragen oder konsumieren können.


Ohne eine breite Mittelschicht, dem Rückgrat westlicher Demokratien und Märkte, zerbricht die Basis für das ganze Konstrukt. Sinkende Einkommen. Schwache Nachfrage. Wachsende Polarisierung. Extreme Ungleichheit. Das Endspiel des Spätkapitalismus: eine Post-Work-Ökonomie, geführt von einer technokratischen Elite. Die Maschine frisst sich selber.


Automatisierung ohne neuen Gesellschaftsvertrag bedeutet nicht Befreiung, sondern Enteignung. Der Traum war, Menschen von monotoner Arbeit zu befreien. Doch ohne Umverteilung profitieren nur wenige und die Mehrheit bleibt zurück.


Szenario 2: Die Renaissance des "Purpose"


Und doch gibt es eine Alternative. Eine, die nicht in Enteignung mündet, sondern in einer Renaissance des menschlichen "Purpose". Dieses Zukunftsbild wird aber nicht entstehen, indem wir gegen die KI konkurrieren. Sondern indem wir sie nutzen, um systemische Probleme zu lösen und die Gewinne zurück in die breite Gesellschaft zu investieren.


Möglich sind: Ein Gesundheitssystem, nicht länger belastet von Kostenexplosion und Zugangshürden, sondern unterstützt durch KI-Diagnostik und personalisierte Behandlungspläne. Expert:innenversorgung als Grundrecht, Ärzt:innen, die wieder Zeit wirklich für die menschlichen Bedürfnisse und Bekämpfung der Grundursachen haben. Klimamodelle, die nicht nur Katastrophen vorhersagen, sondern aktive ökologische Regeneration steuern. KI, die Stromnetze optimiert, Ressourcen effizient verteilt, Biodiversität wiederherstellt.


Das Ziel ist nicht nur eine gesündere Gesellschaft auf einem gesünderen Planeten. Es geht nicht darum, ob KI Kunst schaffen oder Empathie simulieren kann. Sondern dass wir als Menschen diese Erfahrung brauchen. Falls KI unsere materiellen Grundbedürfnisse abdeckt, hätten wir Zeit und Energie für das, was uns zutiefst erfüllt: beitragen, forschen, lehren, pflegen, erschaffen. Mentoring. Wissenschaft aus Neugier. Körper und Geist pflegen. Beziehungen vertiefen. Kreativität und Fürsorge leben, als Ausdruck menschlicher Würde.


The Starry Night, an oil-on-canvas painting by Vincent van Gogh. It depicts the view from the east-facing window of his asylum room at Saint-Rémy-de-Provence, just before sunrise, with the addition of an imaginary village.
Während die Technologie unsere Welt umgestaltet, rückt das Wesen der Kreativität selbst stärker in den Fokus. Was bedeutet menschliches Kunstschaffen in einem neuen Zeitalter? (Die Sternennacht, von Vincent van Gogh. Gemalt im Juni 1889.)

Das ist kein Rückschritt in eine vorindustrielle Welt. Es ist ein Sprung in eine post-arbeitsbasierte Zukunft. Eine, in der Technologie uns nicht nur von Arbeit befreit, sondern mehr Platz für das Menschsein selbst schafft.


Teil III: Warum so viel auf dem Spiel steht


Normalerweise (typisch Schweizerisch) würde ich für einen Mittelweg plädieren. Ein bisschen Nuance. Ein bisschen Kompromiss. Ein Fondue aus Realismus.

Doch hier fühlt sich selbst die Mitte instabil an. Die Kräfte, getrieben von einem bröckelnden System und diesem technischen Durchbruch, ziehen uns in Extreme. Wahrscheinlich wird die Realität ein Flickenteppich: Renaissance für manche, Absturz für andere, Seite an Seite.


Die beiden Optionen definieren die Schicksalsfrage. Systeme biegen sich nicht ewig. Irgendwann brechen sie. Die Geschichte zeigt: Erst wenn das Nicht-Handeln teurer wird als sich anzupassen, kippt das Gleichgewicht.


Ich habe das selber erlebt: Bei Swiss Re haben wir schon Anfang 2000 vor den Kosten des Klimawandels gewarnt. Vorbeugung wäre damals verhältnismässig billig gewesen, politisch aber unbequem. Heute zahlen wir den vielfach höheren Preis für Anpassung und "reparieren". Mit KI könnten wir denselben fatalen Verlauf erleben.


Momentan sind wir immer noch beeindruckt von all den Möglichkeiten. Doch unter der Oberfläche liegt das strukturelle Risiko. Nicht weil KI per-se "bösartig" ist, sondern weil wir sie auf denselben Fundamenten bauen, die wir anderswo vernachlässigt haben.

Die LLMs sind von uns trainiert: mit unseren Büchern, Gesprächen, unserer Kunst, unserem Code. Sie spiegeln nicht nur Intelligenz wieder, sondern auch unsere "Blind Spots" und menschlichen Schwächen. Wir skalieren, was schon da ist. Inklusive allem, was wir bisher noch nicht nicht lösen konnten.


Darum ist das Risiko nicht nur technisch, sondern systematisch. Wenn wir nicht früh gegensteuern, landen wir wie beim Klima an einem Punkt, wo das Korrigieren schwieriger und teurer wird. Deshalb ist dieser Moment entscheidend. Für Ingenieur:innen und CEOs. Aber auch für Künstler:innen. Lehrende. Unternehmer:innen. Eltern. Pflegende. Für alle, die etwas zu sagen, zu bauen oder zu schützen haben.


Denn KI ist nicht nur ein neues Tool. Sie ist ein Spiegel. Einer, den wir formen, und der uns formt.


Der ultimative Test


Diese ultimative Prüfung ist also nicht, ob wir intelligente Maschinen bauen können. Das tun wir bereits. Die Prüfung ist: Ob wir in den Spiegel schauen, den die Maschinen uns vorhalten und uns entscheiden, eine intelligentere Gesellschaft zu bauen. "Purpose" ist nicht länger nur eine Reise der individuellen Selbstfindung. Es ist ein kollektives Projekt unserer gesellschaftlichen Gestaltung.


Die entscheidende Frage, die KI uns stellt, ist vielleicht die wichtigste überhaupt:


Jetzt, da unsere Maschinen vielleicht bald fast alles können, wofür sind wir Menschen da?


Unser "Purpose" ist in diesem Kontext kein Luxus mehr. Er ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Egal ob als Führungskraft, Creator, Lehrperson, Elternteil oder Bürger:in – es lohnt sich zu fragen:


  • Was will ich beitragen?

  • Welche Systeme verstärke ich, bewusst oder unbewusst (so wie ich selbst KI für meine Arbeit nutze)?

  • Und: zu welcher Zukunft möchte ich beitragen?


Wenn dich diese Fragen ansprechen, freue ich mich über Gedanken, Widersprüche, Ideen. Und auf den Austausch mit Menschen, die das Menschliche bewahren möchten und gleichzeitig mit Mut Neues wagen.

 
 
 

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